Sarek – Eine Wanderung durch die Wildnis Nordschwedens – Teil 2

Sarek – Eine Wanderung durch die Wildnis Nordschwedens – Teil 2

5. Oktober 2018 0 Von Fabrice

Dies ist die Fortsetzung des Wanderberichts aus dem Sarek Nationalpark. Teil 1 findet ihr hier.

Die erste Nacht ist unruhig, wir schlafen beide in den Tag hinein und stehen trotzdem müde auf. Gestärkt mit einem Porridge zum Frühstück und einer kleinen Katzendusche im nahegelegenen kalten Bach bauen wir das Lager ab und brechen im strahlenden Sonnenschein auf zu unserer zweiten Tagesetappe. Der Weg schlängelt sich an einem grasbewachsenen Hang entlang und ist gut markiert. Gedankenversunken bemerken wir die Rebhühner am Wegesrand erst, als sie unter Gackern aufschrecken und davonflattern. Bald verlassen wir den Weg und orientieren uns in Richtung der Bergkette des Pårek-Massivs, die sich rechts von uns auftut. Über eine Hochebene wollen wir diese überqueren, allerdings sieht die Stelle auf der Karte wesentlich einfacher aus als die schroffe Bergkante, die jetzt vor uns liegt. Der Anstieg ist steil und ausschließlich über Geröll, unsere Reserven sind bald aufgebraucht.

Zumindest das Wetter spielt mit und ermöglicht uns einen einzigartigen Ausblick. Als wir den höchsten Punkt erreichen, können wir einen Blick auf die dahinter liegende Landschaft erhaschen. Ein riesiger Gletscher versperrt uns den Weg, und mithilfe der Karte gelangen wir bald zu der Gewissheit, dass wir uns um mehrere Kilometer verschätzt haben, was auch den steileren Anstieg erklärt. Statt der Hochebene haben wir „aus Versehen“ einen 2000 Meter hohen, schneebedeckten Gipfel erklommen – nun ja, das passiert eben auch nicht alle Tage. Nach einer Lagebesprechung und einer kleinen Schneeballschlacht wagen wir dennoch den Abstieg auf der anderen Seite, um einen Lagerplatz neben dem Gletscher (der sich als Bårddejiegna herausstellt, übrigens der größte zusammenhängende Gletscher Schwedens) für die heutige Nacht zu finden. Das Gelände ist sehr schwer zu begehen, und so nutzen wir ein steiles Schneefeld, um auf unserem Allerwertesten den Berghang runterzurutschen. Wer sagt eigentlich, dass Wandern nicht auch Spaß machen kann? Unten angekommen finden wir auch schon bald einen flachen Zeltplatz, allerdings wird es nachts durch die Höhenlage und die Nähe zum Gletscher mit deutlichen Minusgraden bitterkalt, wobei unsere Ausrüstung stark auf die Probe gestellt wird.

Am nächsten Morgen bauen wir rasch ab, um die Kälte aus den Gliedern rauszulaufen. Alsbald stoßen wir auf den breiten Gletscherbach, der sich erstmals nicht mit unseren Wanderstiefeln trocken durchqueren lässt. Also beginnt die mir von der letzten Sarek-Wanderung wohlbekannte Prozedur: Hose hochkrempeln, Stiefel und Socken ausziehen und dann rein in die modisch gewagten, aber ziemlich praktischen Crocs. Nach ein paar schnellen Schritten durch den eiskalten, aber langsam fließenden Bach sind wir auch schon auf der anderen Seite angekommen und können wieder in die wärmenden Stiefel steigen. Wir laufen jetzt durch eine Ansammlung von Findlingen, von denen einige Markierungen mit Jahreszahlen tragen, um die Größe des Gletschers festzuhalten. Beeindruckend und zugleich traurig, dass der beeindruckende Gletscher vor ungefähr 30 Jahren noch ein paar Kilometer größer war. Selten bekommt man den Klimawandel so gut vor Augen geführt wie hier.

Wir umrunden die Bergkette vor uns und biegen in das schmale Tal Lullihavágge (vágge ist das samische Wort für Tal) ein, welches zuerst ansteigt, dann aber bald wieder nach unten führt. Zuerst folgen wir dem kleinen Bachbett, welches mittig durch das Tal verläuft. Wir hüpfen wie kleine Kinder über die Steine im Bach und genießen das Wandern, obwohl der Himmel mittlerweile zugezogen ist und es ab und an einen leichten Regenschauer gibt. Aber auf Regen sind wir vorbereitet und er jagt uns deshalb keinen Schrecken ein, die Ausrüstung ist größtenteils wasserdicht. Der kleine Bach weicht Stück für Stück einem Fluss und das Bachbett einer tiefen Schlucht, sodass wir uns entschließen etwas oberhalb am Hang entlangzugehen. Der verlangt uns allerdings die volle Aufmerksamkeit ab, denn ein falscher Schritt und wir würden den Hang runterrutschen und in die Schlucht stürzen, die inzwischen extrem tief und steil ist, fast wie ein richtiger Canyon. Trotz der Gefahr ist es sehr beeindruckend, wie sich der Fluss über Jahrtausende in den Felsen gegraben hat, man kann die einzelnen Gesteinsschichten an der Kante gut erkennen. Nach einer kleinen Pause, in der wir das beeindruckende Naturschauspiel genießen, setzen wir die Wanderung fort, endlich das Tagesziel vor Augen: das bewaldete und relativ breite Sarvesvágge. Wie eine grüne Oase liegt es jetzt vor uns, und setzt noch einmal ungeahnte Energiereserven frei. Von Westen gesellt sich das Noajdevágge hinzu, sodass wir plötzlich auf einem schmalen Landstreifen auf die Stelle zulaufen, wo sich die Täler treffen. Den dazugehörigen Noajdejågåsji (nächster Teil der samischen Sprachschule, jågåsji steht für Bach) können wir ohne große Schwierigkeiten furten und nach kurzer Suche finden wir auf der anderen Seite einen tollen Zeltplatz, der zugleich windgeschützt ist, aber auch einen super Ausblick bietet.

Leider kleben die Wolken auch am nächsten Tag noch über unseren Köpfen, es scheint beinahe so, als würden sie von den Bergen festgehalten werden. Trotzdem gut gelaunt und gestärkt brechen wir auf, um eine Furt über den Sarvesjåhkå (jåhkå ist sämisch für – ihr ahnt es wahrscheinlich – Fluss) zu finden. Vor uns scheinen ein paar rumlaufende Rentiere eine gute Furtstelle ausgemacht zu haben, und so folgen wir den Tieren. Nach der üblichen Prozedur mit dem An- und Ausziehen der Schuhe nutzen wir die Gelegenheit noch für eine kleine Wäsche, denn eine frische Unterhose kann manchmal echt den Unterschied ausmachen. Auf der Nordseite des Flusses ist die Vegetation dicht, und so kommen wir in westlicher Richtung durch mannshohes Weidegestrüpp, etwas niedrigeres Heidegestrüpp und zahlreiche Sümpfe nur langsam voran. Zu allem Überfluss setzt plötzlich auch noch ein starker Wind ein und bläst uns munter ins Gesicht. Völlig entkräftet schlagen wir uns durch die Büsche und müssen mehrere kleine Pausen einlegen, die aber aufgrund des Windes sehr ungemütlich sind. Nach einer beinahe endlosen Zeitspanne erreichen wir endlich Grasland und kurz darauf den eigentlich kleinen Bach aus dem nahen Rijddajiegna-Gletscher, der aber durch die Regenfälle zu einem reißenden Strom angeschwollen ist. Hier begehe ich eine Dummheit und bestehe auf eine Querung direkt vor uns, anstatt stromab- oder aufwärts nach einer geeigneteren Stelle zum Furten zu suchen. Durch die schnelle Strömung ist der hüfthohe Fluss unberechenbar und zieht mir beinahe die Füße weg. Glücklicherweise greift mein Wanderpartner meinen Arm und zieht mich auf die andere Seite, ansonsten wäre ich wohl von der Strömung davongetragen worden. Leider sind wir beide durch die Aktion komplett nass und müssen im nun stärker werdenden Regen schnell in trockene Klamotten schlüpfen. Keiner von uns ahnt, dass der harte Teil der Tagesetappe jetzt noch vor uns liegt.

Fortsetzung folgt…