Sarek – Eine Wanderung durch die Wildnis Nordschwedens – Teil 1

Sarek – Eine Wanderung durch die Wildnis Nordschwedens – Teil 1

9. September 2018 1 Von Fabrice

Der Sarek-Nationalpark, hoch im Norden Schwedens in der Region Lappland am Polarkreis gelegen, ist eine kaum berührte alpine Gebirgslandschaft, wo Elche, Bären, Vielfraße und sogar Wölfe leben. Obwohl deshalb manchmal als vermeintlich „letzte Wildnis Europas“ bezeichnet, trifft dies sicherlich nicht zu. Denn die Gegend wird schon seit Jahrhunderten von den Samen, den Ureinwohnern Lapplands, kultiviert und für die Rentierzucht genutzt. Trotzdem handelt es sich um eine sehr ursprüngliche Landschaft mit zahlreichen Gletschern und ohne markierte Wanderwege und Hütten. In Schweden nennt man diese charakteristischen Tundra-Landschaften oberhalb der Nadelbaumgrenze fjäll.

In dieser mehrteiligen Reportage möchte ich euch mitnehmen und einen Einblick in die schöne Natur bieten. Das zweite Jahr in Folge zog es mich auch diesen Sommer wieder in den hohen Norden Europas, in Begleitung von einem Freund. Da es sich definitiv um kein Wandergebiet für Anfänger handelt ist eine Solo-Tour nur für sehr erfahrene Wanderer ratsam. Angeblich ist dieses Jahr sogar schon ein deutscher Wanderer im Sarek in einer Furt ums Leben gekommen. Eine gute Vorbereitung ist deswegen obligatorisch. Auch beim Gepäck gibt es einige Dinge zu beachten. Der Sarek bietet nämlich, wie bereits erwähnt, keinerlei Infrastruktur für Wanderer. Deswegen muss man das volle Camping-Equipment, übernachtet wird ausschließlich im Zelt, und Verpflegung für die gesamte Tour mitschleppen.

Seit meiner letztjährigen Tour mit einem Rucksackgewicht jenseits von 25kg war zumindest für mich klar, dass ich etwas Grundlegendes verändern musste, weshalb ich mich intensiv mit dem Leichtwandern bzw. Ultraleichtwandern (UL) auseinandersetzte. Kurz gesagt eine Entscheidung, die sich definitiv bezahlt gemacht hat. Mit einem Rucksackgewicht von etwa 12kg waren selbst steile Anstiege kein Problem und die ansonsten allgegenwärtigen Rückenschmerzen reduzierten sich auf ein Minimum. Meine Packliste der Tour findet ihr hier: https://lighterpack.com/r/d2aoap. Übrigens kann ich Online-Tools wie Lighterpack oder Geargrams zum Erstellen und Teilen von Packlisten jedem Leser nur ans Herz legen. Gegebenenfalls werde ich darüber noch einen gesonderten Artikel veröffentlichen. 

Bei der Verpflegung ist das oberste Gebot ein gutes Verhältnis von Gewicht zu Kalorien. Dehydrierte Trekkinggerichte, wie man sie im Fachhandel erwerben kann, sind deswegen prädestiniert. Sie sind ziemlich leicht und benötigen nur heißes Wasser, um eine schmackhafte Mahlzeit zu ergeben. Außerdem sind Snacks wie Nüsse, Schokolade und Trockenfleisch angebracht, da sie gute Energiewerte haben. Auf dem Foto könnt ihr mein gesamtes Essen für die 8-tägige Wanderung im Sarek sehen. Die Mitnahme von Wasser ist übrigens nicht nötig: überall im Nationalpark gibt es saubere Schnee- und Gletscherbäche, aus denen man bedenkenlos ungefiltert trinken kann.

Nach all der Planung und Vorfreude ist es dann endlich soweit: mit gepacktem Rucksack geht es zum Flughafen. Wir fliegen zuerst nach Stockholm und besorgen dort eine Gaskartusche für den Kocher. Leider darf man diese nicht mit ins Flugzeug nehmen, sie muss also von uns noch vor Ort besorgt werden. Von hier geht es nach einer Menge unnötigen und durch eine Flugverspätung verursachten Zeitdruck mit dem stilechten Nachtzug nach Murjek. Eine Reise in den schwedischen Nachtzügen ist schon ein besonderes Feeling, und auch wenn sie länger als mit dem Flugzeug dauert, so ist sie auch sehr stressfrei und bequem. In Murjek, einem Dorf welches nur aus dem Bahnhof und ein paar Häusern besteht, holt uns nach einer kleinen Wartezeit unser Bus ab und bringt uns weiter über die Kreisstadt Jokkmokk zum kleinen Örtchen Kvikkjokk, einem beliebten Anlaufpunkt für Wanderer, da es gut über die Straße zu erreichen ist – keine Selbstverständlichkeit in dieser dünn besiedelten Gegend. Außerdem liegt Kvikkjokk direkt am bekannten Fernwanderweg „Kungsleden“ (schwedisch für „Königsweg“), auf dem wir nun zum Start ein kleines Stück gehen wollen, nachdem uns der Bus an der Endhaltestelle auf den Weg spuckt. An dieser Stelle noch zur Routenplanung: die Route wie abgebildet ist die tatsächlich gelaufene. Insgesamt haben wir sieben Übernachtungen geplant, und eine grobe Route steht auch jetzt zu Beginn unserer Wanderung fest. Es ist definitiv sinnvoll, so meine Erfahrungen aus der letztjährigen Tour, ein paar Ausweichrouten im Kopf zu haben, denn eigentlich läuft ja auf so einer Tour nie etwas wie geplant. Für fünf Kilometer kann man je nach Gelände statt zwei Stunden auch mal vier brauchen, die Karte kann da nur bedingt weiterhelfen. Auch das Wetter ist im Sarek unberechenbar und erfordert regelmäßige Neuplanungen. Aus harmlosen Bächen können nach einem Tag Dauerregen reißende und schwer zu furtende Flüsse werden.

Zurück auf dem Kungsleden: wir starten entspannt und mit etwas Sonnenschein unsere Expedition. Es ist Ende August und damit Herbst in Nordschweden. Die Route führt durch einen schönen Birkenwald, aber von den sonst so zahlreichen Mücken gibt es bislang noch keine Spur – angeblich gab es hier schon den ersten Nachfrost des Jahres, der dem Spuk für gewöhnlich ein jähes Ende setzt. Hier auf dem Kungsleden ist man nie allein, es kommen uns in regelmäßigen Abständen Wanderer entgegen und wir laufen ein kleines Stück mit einem jungen Mann aus Belgien, der den Kungsleden bis nach Abisko gehen möchte – die klassische Route, die dem Kungsleden auch den unrühmlichen Namen Wanderautobahn eingebracht hat. Den gut ausgebauten und beschilderten Pfad verlassen wir an einer kleinen Weggabelung in Richtung der Samen-Siedlung Parek. Der Pfad ist zwar noch zu erkennen, aber wir treffen nur noch wenige Menschen. Irgendwann lichtet sich der Wald und gibt den Blick auf die Parek-Ebene frei, einer Ebene mit ein paar Hügeln und vielen Seen. Im Hintergrund sehen wir erstmals die schneebedeckten Gipfel des Sarek, zuvor hatte der Wald den Blick in die Ferne verdeckt. Hier hat mein Wandergefährte seinen ersten Materialverschleiß zu betrauern: seine nagelneuen Wanderstiefel haben sich ineinander verhakt und das Obermaterial an einer Seite aufgerissen. Mist. Da die mitgebrachte Allzweckwaffe Gaffer auf dem nassen Material nicht wirklich hält, beschließen wir, eine ausgiebige Reparatursession auf später zu verschieben. Die erste richtige Furt bezwingen wir beide, auch dank der platzierten Holzbalken, ohne nasse Füße und schon bald lichtet sich die Vegetation: wir haben die Baumgrenze und damit das Fjäll erreicht. Hier finden wir einen traumhaften ersten Zeltplatz mit Blick auf die soeben bezwungene Ebene und die Bergkette auf der anderen Seite.

Was für ein geiler Tag! Mehr als 20 Kilometer haben wir an diesem Tag geschafft, obwohl wir durch die Anreise erst gegen Mittag starten konnten. Erschöpft aber zufrieden genießen wir das erste Abendessen und blicken auf die nun hinter uns liegende Landschaft.

Fortsetzung folgt…

Die Anreise in den Sarek Nationalpark ist auf vielen Wegen möglich, dauert aber relativ lang – mindestens einen Tag solltet ihr dafür einplanen. Mit dem Zug (zum Beispiel mit dem Interrail-Ticket möglich) oder Flugzeug geht es zuerst nach Stockholm, von dort dann entweder mit dem Nachtzug SJ N94 nach Murjek oder Gällivare, oder mit dem Flugzeug nach Luleå, Gällivare oder Kiruna. Von da bringen euch die Busse von Länstrafiken Norrbotten an die gängigen Startpunkte Kvikkjokk, Kebnats (Saltoluokta), Suorva oder Ritsem. In Kebnats und Ritsem ist dann jeweils noch ein Bootstransfer erforderlich.