Ein Plädoyer für das Alleinreisen

Ein Plädoyer für das Alleinreisen

4. Juli 2018 1 Von Fabrice

Alleinsein ist in unserer Gesellschaft verpönt, etwas, womit man die Blicke seiner Mitmenschen auf sich zieht. Jeder, der schon einmal alleine in einem Restaurant Essen war, weiß jetzt mit Sicherheit, wovon ich spreche. Die Norm ist, dass man den Großteil seiner Zeit außerhalb der eigenen Vier Wände mit seinen Mitmenschen verbringt, der Mensch als Lebewesen ist nun einmal ein ‘Gruppentier‘. Diese Haltung überträgt sich auch auf das Reisen. Ich war überrascht, wie viele meiner Freunde, Kollegen und Familienmitglieder noch nie so richtig alleine verreist sind. Die Meisten haben aber auch gar keine Ambitionen, das zu ändern. Sicherlich ist es häufig viel angenehmer, tolle Erfahrung mit dem Partner oder den besten Freunden zu teilen, das möchte ich auch gar nicht leugnen. Ich habe wirklich unglaublich einzigartige Reiseerfahrungen mit meiner Freundin gesammelt, habe tolle Städtereisen und Wanderungen mit meinen Freunden gemacht. Aber Fakt ist doch auch, dass jede Reise mit mindestens einer anderen Person Kompromisse erfordert. Selten kann man den Urlaub genau so gestalten, wie man es gerne hätte. Das führt zwar oft zu einer Erweiterung des eigenen Horizonts, kann aber auch manchmal echt nervig sein. Bestimmt hat jeder diese eine Freundin, die einen von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit schleppt, obwohl man doch eigentlich viel lieber ein kühles Bier in der nächsten Kneipe mit den Einheimischen zischen würde. Oder den super sportlichen Freund, der am liebsten alles zu Fuß machen würde und nicht selten zur totalen Erschöpfung führt – manchmal werden mich meine Mitmenschen wohl genau so wahrnehmen.

Besonders schade ist aber, dass man sich in einer Gruppe häufiger viel schwerer tut, neue Menschen kennen zu lernen. Klar, man hat ja auch keinen akuten Bedarf. Dem gegenüber ist der oder die Alleinreisende oftmals sogar darauf angewiesen, wenn man Hilfe benötigt oder auch einfach mal wieder ein paar Worte wechseln möchte. Viele meiner Hostelbekanntschaften, aus denen sich teilweise gute Freundschaften entwickelt haben, hätte ich niemals gemacht, wenn ich mit meiner Freundin verreist wäre.

Noch viel mehr sind mir die Vorteile des Alleinreisens bei langen Wanderungen bewusst geworden. Es ist total schwierig bis absolut unmöglich, einen Wanderpartner zu finden, der einen ähnlichen Rhythmus und Fitnesszustand wie man selbst hat. Das schult zwar die gegenseitige Rücksichtnahme, wird aber spätestens nach ein paar Tagen durchaus nervig.

Ich möchte weiterhin bevorzugt mit meinen Mitmenschen verreisen, aber ab und zu auch mal auf eigene Faust das Abenteuer suchen. Ich weiß auch, dass viele Menschen, insbesondere Frauen, auch (teilweise berechtigte) Angst vor einer Reise alleine haben. Es muss aber nicht gleich die Tramping-Tour durch den Iran sein, sondern zum Beispiel einfach mal nach London oder in die nahegelegenen Berge. Ich finde, dass jeder mindestens einmal die Erfahrung machen sollte, für einen gewissen Zeitraum auf sich alleine gestellt zu sein und nur das zu machen, worauf man selbst am Meisten Lust hat.

Ehe man sich versieht, werden die Möglichkeit durch soziale (Kinder!) oder berufliche Verpflichtungen immer weniger. Ich möchte deswegen jedem Leser nahelegen, doch mal mutig zu sein und endlich mal alleine zu verreisen. Ihr werdet es nicht bereuen.